Existenzielle Solidarität mit den Unterdrückten

Domitila Barrios, Gabriela Justinian, Gregroio Uriarte, Javier Albo SJ, Gloria Ardaya und Luis Espinal SJ im Hungerstreik vom Januar 1978.

La Paz, Bolivien, März 1980: Der damals 48-jährige Jesuit, ursprünglich aus Katalonien, lebte seit 11 Jahren in einem Land, das seit Jahrzehnten von einer Diktatur in die andere kippte. Als Medienwissenschaftler, Cineast, Journalist und Seelsorger setzte sich Luis Espinal für Menschenrechte und Demokratie ein.

Eine der stärksten Erfahrungen aus diesem Engagement verschaffte Luis Espinal hohes Ansehen: Seine existenzielle Solidarität mit den Unterdrückten.

Ende Dezember 1977 hatten eine Gruppe von Frauen mit ihren Kindern einen öffentlichen Hungerstreik begonnen, nachdem aus den Bergbaugebieten von Potosí bis nach La Paz gereist waren, um gegen die andauernde militärische, ökonomische, politische und kulturelle Unterdrückung durch die Truppen des Diktators Hugo Banzers zu protestieren. Luis Espinal und das bolivianische Komitee für Menschenrechte traten diesem politischen Fasten bei und unterstützten nach Kräften diese Aktion. Nach drei Wochen, Mitte Januar, waren über 1000 Leute im ganzen Land im Hungerstreik. Das kollektive Hungern erregte internationale Aufmerksamkeit und Druck auf den Diktator. Banzer musste für den Mai 1978 Neuwahlen ansetzen. Ein wichtiger Schritt in Richtung Demokratie war gelungen.

Das politische Fasten von damals hatte wenig mit dem heutigen Heilfasten, z.B. nach Otto Buchinger, zu tun. Der Hungerstreik schwächte die Leute, vor allem wenn sie, wie Luis Espinal, am Ende auch noch in ein Durstfasten stiegen. Als Espinal sich wieder etwas erholt hatte, schrieb er eine Art politisch-spirituelles Zeugnis: «Die Erfahrung des Hungers», darin sagt er Dinge, die wir in den wohlhabenden Ländern gerade mitten in der Corona-Virus-Krise in analoger Weise vielleicht etwas besser nachvollziehen können:

«Ich bemerkte, dass ich keine Erfahrung des Hungers hatte. Diese Erfahrung, die das Volk so oft erleidet, haben wir wie in einem Labor gemacht. Dennoch hat sie mich zu einem besseren Verständnis des hungernden Volkes geführt. Der Hunger ist eine Erfahrung der Gewalt, der uns die Tapferkeit und den Zorn eines Volkes erst verstehen lässt. Wer selbst Hunger erfährt, versteht besser die Dringlichkeit mit der es gilt, für die Gerechtigkeit in der Welt zu arbeiten.

Der Hungerstreik hat uns geholfen, unser Engagement zu radikalisieren und unsere ideologischen Haltungen zu klären. Mit Hunger zählen grosse und gelehrte Worte nichts mehr.

Der Hungerstreik fand im Rahmen des gewaltfreien Widerstandes mit den pazifistischen Charakteristiken eines Kampfes vom Typ Gandhi oder Luther King statt. Dieser Pazifismus nahm den staatlichen Beschimpfungen der Bewegung als 'extremistisch' oder 'subversiv' die Glaubwürdigkeit. Man konnte nicht sagen, dass unser Protest die öffentliche Ordnung störe.

Der Hungerstreik wurde für mich zu einer Schlüsselerfahrung gegen die Konsumgesellschaft. Wo jemand auf so etwas Wesentliches wie die Nahrung verzichtet, werden alle Konsumgüter überflüssig, ja sogar lächerlich. Was bedeuten denn Geld, Gutsbesitz, Bequemlichkeit, Schminke und sogar gewisse Formen der städtischen Erziehung? Wenn man nicht isst, verlieren Mode, Fassaden, Fragen der Eitelkeit etc. ihren Wert. Genau so gewinnt man einen hohen Grad der Freiheit zurück, denn der Konsum kauft uns; im Konsum haben wir uns unterzuordnen unter tausend Dinge, um mehr zu verdienen und mehr zu kaufen.» *

Gestern sagte mir ein abgewiesener Asylsuchender, der im Kanton Zürich seit vier Jahren unter miserablen Bedingungen lebt: «Jetzt, in der Corona-Krise, wo auch Ihr Schweizer nicht wisst, wie es weitergeht, sind wir uns alle etwas näher, gell?»

Damit traf er den Nagel auf den Kopf. Wir Wohlhabenden machen in dieser Virus-Pandemie eine Erfahrung, die verglichen mit dem Alltag vieler Menschen auf dieser Erde, wie ein Labor-Experiment erscheint.

Ja! Möge diese Erfahrung der neu erwachten Solidarität unsere Aufmerksamkeit für die Menschen auf der ganzen Welt erhöhen! Nehmen wir nicht mehr hin, was an den aufgerüsteten und lebensgefährlichen Grenzen Europas geschieht! Auch wenn wir nicht auf eine griechische Insel oder in ein libysches Sklavenlager gehen können: Fordern wir die Regierungen auf, alles daran zu setzen, das Leben dieser Geflüchteten zu retten und die politisch geschaffene Not zu beenden!

Mit besten Wünschen und herzlichem Gruss, Christoph Albrecht SJ

Sie können diese Petition unterschreiben.

Oder diesen Appell an die Schweizer Behörden in Bezug auf die prekäre Wohnsituation von Flüchtlingen in der Schweiz.

* Luis Espinal, La Experiencia del Hambre, in: Comisión de Pastoral Social, Sangre en América Latina No. 8, Cochabamba 1986; deutsch in: Christoph Albrecht, Den Unterdrückten eine Stimme geben, Luzern 2005,129-130.138.155.191.212